Chronik der Ereignisse

Samstag, 3. Juni 2017

Eine Gruppe von Menschen besetzt die ehemalige Villa Rühl in der Mönchebergstraße 40-42. Mit der Aktion soll der Aufbau eines sozialen Zentrums in Kassel beginnen, der selbstorganisierten und solidarischen Strukturen in der Stadt zur Verfügung steht. Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen können sich mit ihren Ideen einbringen und diesen Ort nach ihren Bedürfnissen gestalten.

Es findet ein erstes Plenum statt und Arbeitsgruppen gründen sich, um den Ort herzurichten, ein Programm auf die Beine zu stellen, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu organisieren und mit der Universität als Eigentümerin in Verhandlung zu treten.

Die Lage ist insgesamt ziemlich entspannt, die Polizei ist nicht vor Ort. Auch vor dem Gelände haben sich Leute eingefunden, um die Besetzer*innen zu unterstützen. Es gibt Küche für alle.

Grundsatzerklärung

Erste Pressemitteilung

Sonntag, 4. Juni 2017

Die ersten Soli-Erklärungen erreichen uns per Mail. Wir verteilen einen Brief an die Menschen in der Nachbarschaft.

Montag, 5. Juni 2017

Zum ersten Mal kommen Vertreter*innen der Universität zu Unserer Villa, unter anderem der Präsident, der Kanzler und die Pressesprecherin. Sie kommen spontan und ohne vorherige Ankündigung. Gemeinsam mit zwei Besetzer*innen sehen sie sich auf dem Gelände und im Haus um. Am nächsten Tag will das Präsidium entscheiden, wie sie mit der Besetzung umgehen wird. Den Kontakt zur AG Verhandlung, den wir eingerichtet haben (es gibt eine eigene Telefonnummer), wollen sie nicht nutzen. Generell besteht von Seiten der Uni keine Bereitschaft zu Verhandlungen. Die Situation unserer Villa ist dementsprechend unsicher.

Auf dem Gelände befinden sich zwei Gebäude, eine alte Wohnvilla sowie ein Fabrikgebäude. Wir nutzen nur letzteres und entscheiden im Plenum, die Wohnvilla unangetastet zu lassen, weil Vertreter*innen der Uni deutlich machen, dass sie sofort die Polizei einschalten würden, wenn Menschen die Wohnvilla betreten.

Wir laden derweil zum ersten Nachbarschaftstreffen mit Kaffee und Kuchen ein. Den ganzen Tag wird weiter gewerkelt und gebastelt.

Nach dem Besuch der Uni-Vertreter*innen verfassen wir einen Offenen Brief an das Präsidium, den wir auch veröffentlichen und an die Presse schicken. Darin gehen wir unter anderem auf die Sicherheitsbedenken der Uni ein – und wir stellen noch einmal klar, dass wir zu Verhandlungen bereit sind und eine Entscheidung, die ohne unsere Beteiligung getroffen wird, nicht akzeptieren werden.

Dienstag, 6. Juni 2017

Es findet ein Gespräch mit dem Präsidium statt. Dabei wird deutlich, dass die Uni keine dauerhafte Nutzung der Villa unterstützen würde, sondern ein baldiges Ende des Projekts fordert. Die Besetzung hätte ihr Ziel schon erreicht: Aufmerksamkeit. Wir sind anderer Meinung und erarbeiten eine Rückmeldung an das Uni-Präsidium.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Wir veröffentlichen eine Pressemitteilung zur Eröffnung der documenta14 in Kassel. Einige Aktivist*innen sind bei der Pressekonferenz der documenta vor Ort und verteilen Flyer.

Die Universität äußert sich gegenüber der HNA.

Die Universität schickt Gutachter*innen, um die Sicherheitslage im Haus bewerten zu lassen. Wir haben inzwischen ebenfalls Expert*innen vor Ort, die uns beim Brandschutz und bei anderen Baumaßnahmen beraten. Wir veröffentlichen eine Pressemitteilung, die auf die Sicherheit im Gebäude eingeht und einige Bedenken der Universität ausräumen kann.

Am Nachmittag erreicht uns eine Mail vom Kanzler der Universität, in der wir aufgefordert werden, das Gebäude schnellstmöglich zu verlassen. Zudem hätte die Uni einen Vertreter der Stadt gefunden, der bereit sei, über unsere Anliegen zu sprechen – allerdings erst nach dem Ende der Besetzung.

Wir veröffentlichen daraufhin eine Stellungnahme zum Scheitern der Verhandlungen und zur Zukunft unseres sozialen Zentrums. Darin erklären wir, warum wir die Universität als politische Akteurin in der Stadt und somit auch als Adressatin unserer Anliegen betrachten. Wir formulieren ein Selbstverständnis und machen deutlich, dass wir der Aufforderung der Universität nicht nachkommen werden.

Bei der Auftaktveranstaltung der Reihe „Um_lernen mit Athen“ wird beschlossen, den Workshop am nächsten Morgen in Unsere Villa zu verlegen. Die Vize-Präsident der Uni ist während der Veranstaltung anwesend. Siehe auch: Bericht von Teilnehmer*innen

Donnerstag, 8. Juni 2017

Das Präsidium unterbindet die Veranstaltung von „Um_lernen in Athen“ in Unserer Villa. Die Lehrenden der Universität Kassel erhalten ein Schreiben vom Präsidium, dass Veranstaltungen in der Villa Rühl nicht durchzuführen sind.

Die Stimmung ist angespannt, weil die Besetzer*innen damit rechnen, dass die Villa geräumt werden soll. Doch viele Menschen solidarisieren sich und kommen zu einer Kundgebung vor dem Haus, die den ganzen Nachmittag andauert. Auf dem Campus werden Flyer an die Studierenden verteilt.

Wir planen weiterhin ein vielfältiges Programm für die nächsten Tage: Konzerte, Vorträge, Workshops, Nachbarschaftsgrillen usw.

Freitag, 9. Juni 2017

Aus der Presse erfahren wir, dass die Universität Strafanzeige gegen die Besetzer*innen in der Villa Rühl erstattet hat. Wir reagieren darauf mit einer Stellungnahme und fordern die Uni auf, die Anzeige zurückzuziehen und soziales Engagement nicht zu verhindern und zu kriminalisieren.

Samstag, 10. Juni 2017

Weitere Unterstützer*innen appellieren an die Universität, über eine Nutzung der Villa zu verhandeln, u.a. Die Linke, das Fachgebiet Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit und außerschulische Bildung, der GEW Regionalverband Hochschule und Forschung Nordhessen und der Mittelbau des Institutes für urbane Entwicklungen.

Dienstag, 13. Juni 2017

Uns erreicht ein Schreiben an alle Mitarbeiter*innen der Universität Kassel, in dem das Präsidium seine Sicht der Dinge schildert und wiederholt, dass keine Veranstaltungen in der ehemaligen Villa Rühl stattfinden können.

Donnerstag, 15. Juni 2017

Die Besetzer*innen finden auf dem Gelände von “Unserer Villa” Figuren des Kunstwerkes “Die Rampe” von Nele Bode. Sie geben eine Pressemitteilung heraus, in der die unangemessene Lagerung der Figuren kritisiert wird, auch von einem Experten.

Samstag, 17. Juni 2017

Eine Soli-Demo für “Unsere Villa” mit ca. 200 Teilnehmenden  zieht durch die Stadt: Vom Rathaus über den Friedrichsplatz zum Holländischen Platz. Die Abschlusskundgebung findet vor dem Verwaltungsgebäude (Sitz des Präsidiums) der Universität in der Möncheberstraße statt. In Redebeiträgen solidarisieren sich verschiedene Gruppen und Initiativen aus Kassel. Sie unterstützen die Anliegen von Unserer Villa und fordern die Universität auf, mit den Besetzer*innen zu verhandeln.

Montag, 19. Juni 2017

Die Polizei räumt das Projekt “Unsere Villa” am frühen Montagmorgen.

–> Pressemitteilung zur Räumung

Viele Medien berichten über die Räumung und greifen unsere Pressemitteilung auf. Die Universität lädt um 11 Uhr zu einer Pressekonferenz ein, diese findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Trotzdem sind rund 80 Menschen gekommen, um ihre Solidarität mit Unserer Villa zu zeigen und gegen die Räumung zu protestieren.

Dienstag, 20. Juni 2017

Rund 300 Menschen treffen sich am Abend am Friedrichsplatz und demonstrieren spontan durch die Innenstadt, über den Campus in die Nordstadt. Der Weg durch die Mönchebergstraße wird durch die Polizei versperrt. Die Demo ist kraftvoll, laut und bunt. Die Teilnehmer*innen sind sich einig, dass sie weiter für ein soziales Zentrum in Kassel kämpfen werden. Es finden weiterhin öffentliche Plena von “Unsere Villa” statt.

–> Pressemitteilung zu Aktivitäten nach der Räumung

Donnerstag, 22. Juni 2017

Einige Aktivist*innen treffen sich für eine Wasserbombenschlacht auf dem Königsplatz. Diese wird allerdings von der Polizei verhindert.

–> Glosse

Donnerstag, 29. Juni 2017

Beim Campusfest der Universität Kassel spricht der Präsident Finkeldey. Unterstützer*innen von “Unsere Villa” hängen Banner auf und stören die Rede des Präsidenten im Campuscenter. Sie kritisieren die Uni dafür, dass sie gegen die Besetzer*innen Strafanzeige gestellt hat und “Unsere Villa” am 19. Juni geräumt wurde. Der Präsident bricht seine Rede ab.