Alles für alle – und zwar umsonst!

Die Rede von “Unsere Villa” beim sozialistischen Massenpicnic  im Nordstadtpark:

„Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört«.” (Rousseau)

Immer wieder wurde uns – übrigens auch vom Unipräsidium auf der letzten Senatssitzung – die Frage gestellt: Warum habt ihr denn die Uni nicht „vorher gefragt“? Vielleicht hätte sie euch die Villa ja zur Nutzung gegeben. Dazu kann ich zwei Dinge sagen:

Zum einen: Nur zu! Wir sind sehr offen dafür, dass die Uni uns unsere Villa zurückgibt, sie wissen doch ohnehin nicht so genau, was sie damit tun sollen! Jetzt rein aus Trotz zu sagen: “Nee, nee, die Villa, die bekommt ihr nicht, JETZT nicht mehr!” – das wäre den Repräsentanten einer Universität doch wirklich nicht angemessen, denke ich.
Durch eine solche Rückgabe würden wir wirklich Vertrauen in die Universität gewinnen, und der Mangel an Vertrauen war ja wohl auch ein Grund nicht „vorher zu fragen“. Übrigens: Auch die Rücknahme der Strafanträge würde dieses Vertrauen erwecken können und würde auch ein bisschen Größe demonstrieren.

Aber abgesehen davon, dass ja wohl niemand ernsthaft glaubt, dass Finkeldey und Co gesagt hätten: „Oh, na klar, ihr bekommt die Villa, finden wir gut!“ gibt es ja auch noch andere, viel wichtigere Gründe, Raum zu besetzen, bevor oder anstatt darüber zu verhandeln. Denn die Räume, liebe Leute: gehören uns! Und im obigen Zitat erklärt das Rousseau ja ganz gut.

Wir dürfen nie vergessen, dass die einen Grund, Boden, Gebäude, Wohnraum und Produktionsmittel besitzen und die anderen nichts haben als ihre Arbeitskraft, die sie verkaufen, um davon wiederum teuer Wohnraum von den Besitzenden zu mieten und sich von dem Lohn zu versorgen mit den Waren, die die Besitzenden den Arbeiter*innen vorher abgepresst haben, wir dürfen nicht vergessen, dass diese Gesellschaft maßgeblich gegründet ist auf Ausbeutung und Raub, dass jegliches Eigentum ursprünglich einen Raub darstellt, der nachträglich durch Gesetze legalisiert wurde, die von denen erlassen wurden, die durch diesen Raub mächtig geworden waren.
Wer anerkennt, dass es jetzt nun einmal das Eigentum gebe, wer fordert, dass man dies stets respektieren und berücksichtigen müsse in seinem politischen Handeln, vertritt eine zutiefst bürgerliche Position. Auf einem sozialistischen Massenpicknick haben solche Leute eigentlich nichts verloren – wer trotzdem hier ist, weiß vermutlich einfach nur, dass die Genoss*innen die besseren Partys machen. Und lässt sich ja vielleicht eines besseren belehren, det wär schön!

Die Kritik des Eigentums, die Nichtakzeptanz des bürgerlichen Eigentumbegriffs sollte ja wohl der kleinste gemeinsame Nenner sein, auf den wir uns einigen können – jenseits der Frage, ob es sich dabei um den einen Hauptwiderspruch handele oder nicht. Dazu gehört auch die die Weigerung, zu glauben, was uns seit einiger Zeit immer wieder als Wahrheit untergejubelt werden soll: Dass Demokratie nur unter der Bedingung des Kapitalismus möglich sei. Was für ein Schwachsinn. Welche Absurdität!

Natürlich geht es bei der Diskussion über Besetzungen von Raum zur allgemeinen Nutzung nicht um privat genutztes Eigentum, nicht um die kleine Wohnung, die sich jemand von seinem Ersparten kauft und bewohnt, und vor allem geht es nicht darum, als Wohnraum oder für die Öffentlichkeit zur Verfügung gestellte Räume zu besetzen – das muss ja auch gar nicht sein, es gibt in einer Stadt wie Kassel ausreichend Leerstand.

Es geht darum, die Räume, die ohnehin nicht genutzt sind, zur Verfügung zu stellen – für gemeinsame Projekte, für soziale Zentren, oder auch einfach als Schlafplatz und Schutzstatt für obdachlose Menschen, deren Leben und Gesundheit unter den Bedingungen der Obdachlosigkeit massiv gefährdet sind. Gilt denn nicht, dass Eigentum verpflichtet?

Macht die Häuser auf für alle! Von einem Bruchteil der Gelder, die für G20 rausgeworfen wurden, könnte man sogar noch Wasseranschlüsse und Klos hineinbauen.

Und warum jetzt besetzen?

Besetzung ist doch nicht nur ein Mittel, sondern auch bereits der Zweck; Besetzung heißt doch nicht nur, dass man versucht, ein Haus für die Bewegung zu gewinnen – auch wenn das schön wäre! Besetzung bedeutet die Überwindung der von Rousseau beklagten Einfalt, mit der wir die Eigentumsverhältnisse als natürliche Verhältnisse ansehen, Besetzung bedeutet, die Pfähle aus der Erde zu reißen, mit denen jemand sein Eigentum umzäunt hat, um es gewaltsam zu verteidigen und Besetzung bedeutet, den Menschen zuzurufen: „Hütet euch zu vergessen, dass die Früchte der Erde allen, die Erde selbst jedoch niemandem gehört!“

Unsere Villa fordert: „Alles für Alle – und zwar sofort!“

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