Soli-Erklärungen aus Kassel II

An die Verantwortlichen der Hochschule und der Stadt Kassel

Sehr geehrte Damen und Herren,
wie Ihnen bekannt ist, wurde das unter dem Namen „Villa Rühl“ bekannte Gelände an der Mönchebergstrasse am 3.6. besetzt.

Bevor die üblichen reflexhaften Rufe nach Räumung, Durchsetzung von Eigentumsrechten, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung etc. laut werden, möchten wir Sie bitten, einen Moment inne zu halten.

Kassel boomt. Die Mieten steigen, die Räume werden knapp. Es ist noch gar nicht lange her, da war es in Kassel ein Leichtes für selbstorganisierte Kreative, Räume für Projekte, Aktionen und Veranstaltungen zu finden. Das hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert, wozu auch Stadt und Hochschule ihren Anteil beigetragen haben. Genannt seien hier beispielhaft nur die Räumung des Messinghofes, Stilllegung von Salzmann, Auflösung von K19. Mag es in jedem Einzelfall gute Gründe gegeben haben, zeigt sich in der Gesamtheit doch ein Bild, das deutlich macht, dass nicht-kommerzielle Interessen in Kassel bislang wenig Fürsprache haben. Raum für kritische, selbstorganisierte Kreative sind auch ein sogenannter „weicher“ Standortfaktor; er gehört zu einer Stadt, die vielfältig, bunt und spannend sein will. Die Stadt tut sich und ihren Bewohnern keinen Gefallen, wenn sie ihre Politik in Gänze zum Steigbügelhalter kommerzieller Interessen werden lässt; urbane Lebensqualität besteht nicht primär in monotonen Einkaufsmeilen.

Darum fordern wir Sie auf: Treten Sie in einen konstruktiven Dialog mit den Besetzer*innen; wer sich, wie vielfach in Sonntagsreden geäußert, eine innovative, freie, kreativ-kulturelle Szene wünscht, muss auch damit umgehen können, dass diese immer etwas sperrig, unbequem und auch grenzüberschreitend, eben nicht handzahm sein wird. Im Interesse einer vielfältigen lebenswerten Stadt fordern wir Sie auf: machen Sie den Weg frei für ein selbstorganisiertes Kulturprojekt in der Mönchebergstrasse.

Die Bewohner*innen der Villa Locomuna / Gemeinsam Leben eG
Stadtkommune in Kassel


Seit dem 03.06.17 besetzt eine größere Gruppe von Personen, die sich aus verschiedenen alternativen und linken Initiativen zusammensetzt, die Villa Rühl in der Mönchebergstraße 42. Der Grund ist, Aufmerksamkeit auf das Verschwinden von alternativen, selbstverwalteten Kultur-Räumen in Kassel zu lenken, das Ziel ist der Aufbau eines solchen Projektes in der Villa Rühl.

In den letzten Jahren verschwanden beispielsweise das AZ, das Karoshi, die Kulturfabrik Salzmann und das HAUS. Die Uni-Leitung bebaute den solidarisch genutzten Lucius-Burckhardt-Platz (entgegen aller Absprachen und Versprechungen) und greift durch ihren ausufernden Campusausbau am HoPla stark in die soziale Infrastruktur der Kasseler Nordstadt ein, verdrängt „zivilen“ Wohnraum, daher kann sich die Uni-Leitung auch nicht damit rausreden, dass sie die Themen „sozialer Wohnungsbau“ und „kulturelle Freiräume nichts angingen. Hier schauen jedoch auch die Stadt Kassel und das Land Hessen zu.

Während die Uni-Leitung also weiter baut, wird ein Objekt wie die Villa Rühl, die sich bereits im Besitz der Uni befindet, gerade so instand gehalten und als Möbellager benutzt.

Weiterhin argumentierte die Uni-Leitung mit der Bereitstellung eines Studierendenhauses. Dies ist für uns jedoch kein Argument, da einerseits die Fertigstellung erst Ende 2018 geplant ist und andererseits die Belegung des Gebäudes bereits zu einem Großteil geplant ist (Kulturzentrum, Autonome Referate, AStA) und somit kaum Raum für Projekte aus der Stadtgesellschaft bietet.

Bisher lag jedoch die Hauptargumentation für eine Räumung von Seiten der Uni-Leitung in der Abstraktion von angeblichen baulichen Mängeln. Ein
Brandschutzgutachter, ein Statiker und ein Architekt, erstere beiden von der Uni-Leitung beauftragt, haben jedoch keine gravierenden Mängel gefunden und das Erdgeschoss heute (Stand 07.06.17) für unbedenklich erklärt.

Wir unterstützen die Entstehung von alternativen Freiräumen in Kassel und insbesondere in Campus-Nähe, solidarisieren uns mit den Besetzer*innen der Villa Rühl und wollen sie mit unserer Arbeit im AStA, StuPa und Senat unterstützen.

Wir fordern daher die Leitung der Universität sowie Verantwortliche in Stadt und Land zu einem konstruktiven Austausch mit den Besetzer*innen auf, damit der durch die Besetzer*innen erschlossene politische, kulturelle und soziale Raum langfristig bestehen kann und sich dort Menschen aus den Stadtteilen und der Universität begegnen und austauschen können.”

Juso HSG Kassel und Witzenhausen

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