Stellungnahme der Besetzer*innen zum Scheitern der Verhandlungen und der Zukunft des sozialen Zentrums „Unsere Villa“

*English below*

Was bisher geschah:
Am Samstag, 3. Juni, wurde die Villa Rühl besetzt. Die Universität als “Nutzerin” und Verwalterin wurde umgehend darüber informiert und es wurde um ein Gespräch gebeten. Am Pfingstmontag hat sie darauf reagiert. Sie hat deutlich gemacht, dass sie nicht verhandeln wird, zeigte sich nicht gesprächsbereit und argumentierte mit vermeintlichen Sicherheitsrisiken durch den baulichen Zustand. Von den Sachverständigen – auch eigens von der Universität bestellte –  die am Mittwochmorgen das Gebäude begutachteten, wurden diese in der Art nicht bestätigt. Parallel reagierte die Hochschule auf zwei weitere von uns vorgeschlagene Gesprächstermine am Donnerstag oder Freitag nicht. Am späten Nachmittag des heutigen Tages mahnte sie an, das Gebäude zu verlassen und berief sich dabei auf das Argument, dass dergleichen Anliegen nicht in ihre, sondern in die Verantwortung der Stadt fielen.

Warum die Uni sehr wohl Adressatin unserer Kritik ist und sie die politische Verantwortung für die Kasseler Zustände nicht einfach an die Stadt abgeben kann:

Die Nordstadt und das gesamte Gelände der Universität Kassel am Holländischen Platz war früher Industriestandort und ist heute Hochschulstandort. Dies war und ist für den Stadtteil prägend. In den letzten Jahren hat die Universität zudem mit den Umsetzungen von Struktur- und Bebauungsplänen begonnen. Damit greift die Universität in das Stadtbild, die Quartiere und die Wohnsituation vor Ort ein. Sie ist an Aufwertungsprozessen beteiligt, ebenso an Verdrängungspolitiken – mal direkter, mal indirekter.

Blicken wir 20 Jahre zurück, denken wir an die gewaltsame Räumung der Wagenplätze auf dem Universitätsgelände. Gucken wir auf heute oder in die jüngere Vergangenheit, sei beispielsweise an den Lucius-Burckhardt-Platz oder die Fahrradwerkstatt erinnert. Und blicken wir nach vorne, denken wir unter anderem an die Orte studentischer Selbstverwaltung, die in naher Zukunft in das Studierendenhaus umziehen sollen – ob sie das nun wollen oder nicht. Und während die Universität die Reformhochschule auf allen Ebenen sukzessive zurück baut und stattdessen repräsentative Gebäude errichtet (HCC, Bibliothek, das Henschel-Gelände, sogar das Studierendenhaus…), ist die Verhandlungsbereitschaft beziehungsweise nicht-Bereitschaft immer noch an der Tagesordnung, ob mit Vertreter*innen studentischer Selbstverwaltung oder mit den Wagenplätzen – und nun auch mit uns, den Besetzer*innen der Villa Rühl, die wahrscheinlich einem geplanten repräsentativen Tagungszentrum Platz machen sollen.

Ein bisschen viel Repräsentation – und das finden nicht nur wir.  Auch Anwohner*innen, die GEW, Mitarbeiter*innen der Uni und Initiativen (um hier nur einige zu nennen) teilen unsere Kritik. Und die mehreren hundert Menschen, die in den letzten Tagen hier waren, geben diesem undefinierten Wir ein Gesicht und eine Legitimität. Bereits vor 26 Jahren haben Menschen aus dem Viertel versucht, Herrn Rühl von einer gemeinschaftlichen Nutzung zu überzeugen. Die Villa Rühl bietet durch die große Freifläche und die Raumaufteilung vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Gerade in dieser Lage – der Grenze zwischen den Stadtteilen Weserspitze und Nordstadt, die oft als soziale Brennpunkte benannt werden – wäre ein öffentlich nutzbares soziales Zentrum um einiges nützlicher als ein repräsentativer Tagungsraum für ein geschlossenes, ausgewählt akademisches Publikum.

Dem wollen wir etwas entgegensetzen. Wir verstehen uns als ein ständig wachsendes Kollektiv und stellen einen offenen Raum für die Umsetzung von Kultur, Politik und sozialen Belangen bereit. Wir arbeiten selbstverwaltet und agieren selbstverantwortlich in freiheitlicher Umgebung und im Interesse aller Beteiligten. Wir planen eine langfristige und unkommerzielle Alternative im alltäglichen Leben. Alle sind zu diesem emanzipatorischen Projekt eingeladen, um gewaltfrei und respektvoll einen neuen sozialen Raum zu erschaffen. Dabei gibt es keinen Grund, zwischen Menschen zu unterscheiden und andere zu diskriminieren. Das soziale Zentrum ist kein Ort mit Verfallsdatum – solange es von Personen bespielt wird, bleibt es bestehen! Wir leben ein emanzipatorisches Projekt, das solidarisch, selbstorganisiert und konsensorientiert handelt. Wir formen und reaktivieren einen vergessenen Ort und bieten eine Chance für einen gesellschaftsübergreifenden Austausch.

Nachdem die Universität anfangs versucht hat, über den baulichen Zustand des Gebäudes zu argumentieren, hat sie in ihrer letzten Meldung hat ohne Angabe von Gründen angemahnt, das Gebäude zu verlassen. Die Delegation der Problematik an die Stadt ist zu kurz gegriffen. Damit zeigt sie, worum es eigentlich geht: nämlich darum, die Verantwortung zu delegieren und nicht zu verhandeln. Mal wieder.

Wir verstehen uns als Teil einer sozialen Bewegung und anderer sozialer Kämpfe. Wir wollen einen Ort schaffen, den es so in Kassel noch nicht gibt. Wir sind weiterhin gesprächsbereit! Und wir lassen uns nicht vereinzeln!

****

What happened so far:

On Saturday, June 3rd, the Villa Rühl has been squatted. The university as “user” and administrator has been immediately informed and has been asked for a talk. On Whitmonday the university reacted. It emphasized that there is no willingness for negotiations, did not show any readiness to talk and argued with supposed security risks due to the constructional conditions. The experts – also those sent by the university – did not confirm this after their inspection on Wednesday morning. At the same time, the university did not respond to two further suggestions for meetings on Thursday and Friday we made. On today’s late afternoon it called for us exiting the building by arguing that our demands are not addressing the university but fall into the city’s area of responsibility.

Reasons, why the university is without doubt the right addressee of our criticism and cannot delegate political responsibility for the situation in Kassel to the city:

The neighbourhood of the Nordstadt and the entire property of the university of Kassel close to the Holländische Platz used to be an industrial site and today is a university location. This was and is defining for the whole neighbourhood. Moreover, in the last years the university started with the realization of structural and construction plans. In this way, the university intervenes into the urban landscape, the districts and the living situation therein. It is part of gentrification processes, as well as of politics of displacement – sometimes more, sometimes less directly.

When we look back 20 years, we think of the violent eviction of the trailer sites on the university terrain. When we look at the present or recent past, we should be reminded of the Lucius-Burckhardt square or the bicycle-self-repair-workshop. And when we look into the future, we think amongst others of the spaces of student self-administration, which soon will have to move into the house of students – whether they want to or not. And while the university is incrementally dismantling the “reform” aspects of the former Reformhochschule on all levels and instead erects representative buildings (HCC, library, the Henschel-area, even the house of students….) its willingness for negotiations or rather the non-willingness is still predominant. This is true towards representatives of the student self-administration or of the trailer sites – and now also towards us, the squatters of the Villa Rühl, which most probably is supposed to be replaced by a representative conference center.

A bit too much “representation” – and it is not only us who are convinced of this. Also residents, the GEW (union of teachers, scientific personnel and educational and care workers), employees of the university and initiatives (to only name a few) share our critique. And the several hundreds of people who have been at the villa in the past days give a face and legitimacy to this undefined “we”. Already 26 years ago, people from the neighbourhood tried to convince Mister Rühl of a common usage. The Villa Rühl offers due to its immense open spaces and the division of rooms a diversity of potential uses. Especially here – at the border between the districts of Weserspitze and Nordholland which are often labelled as areas with social problems – a public and openly accessible social centre would be of much greater value than a representative conference center for a narrowly limited and selected academic audience.

This is what we want to oppose with an alternative. We understand ourselves as a constantly growing collective and provide an open space for cultural, political and social activities. We work self-administered and act on our own responsibility in an environment without coercion and in the interest of everyone participating. We are planning a longterm and non-commercial alternative rooted in everyday life. Everyone is invited to this emancipatory project in order to create a new social space without violence and based on respect. In this, there is no reason to differentiate between people and discriminate others. The social center is not a place with a date of expiration – as long as it is used by people, it remains! We live an emancipatory project which acts in solidarity, self-organized and oriented towards consensus decisions. We shape and reactivate an abandoned place and offer a chance for a society-crossing exchange.

After the university tried to argue on the line of the constructional condition of the building, in its last statement it called for us exiting the building without any further indication of reasons. To delegate the problem to the city falls too short. It thereby shows what this is actually about: pushing away responsibility and refusing to negotiate. Again.

We understand ourselves as part of a social movement and other social struggles. We want to create a place, which does not yet exist in this form in Kassel. We are still ready to talk! And we will not let them separate us!

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